Die Herzöge von Nassau zwischen Revolution und Restauration

In den sechs Jahrzehnten der staatlichen Selbständigkeit des Herzogtums Nassau (1806 - 1866) standen drei Herzöge aus zwei nassauischen Linien an der Spitze des Staates, nämlich Friedrich August und Wilhelm sowie Adolf, der 1890 auf Grundlage des nassauischen Erbvertrages von 1783 zum Großherzog von Luxemburg berufen wurde.

Als sich im Jahre 1806 16 Reichsstände unter dem Druck des französischen Kaisers Napoleon zum Rheinbund zusammenschlossen, bedeutete dies die Auflösung des Heiligen Römischen Reiches, das zuletzt in regelrechte Agonie verfallen war. Die Zerstörung des 900-jährigen Reiches war der eine Aspekt, der andere war die großartige Chance, überkommene verknöcherte Strukturen abzustreifen und in den durch systematische Säkularisation und Mediatisierung arrondierten Staaten einen Modernisierungsprozess einzuleiten, der von Reformbereitschaft und Reformfähigkeit geprägt war.
Auch die beiden Fürstentümer Nassau-Usingen und Nassau-Weilburg gingen vergrößert und gestärkt aus dem Länderschacher hervor und erfuhren überdies eine Rangerhöhung zum souveränen Herzogtum. Friedrich August von Nassau-Usingen fiel als Senior des Hauses dieser Titel zu, Friedrich Wilhelm von Nassau-Weilburg nahm den Titel eines souveränen Fürsten zu Nassau an.

Herzog Friedrich August, der Reformer

Friedrich August wurde am 23. April 1738 in Usingen geboren. er war der jüngere Sohn des Fürsten Karl von Nassau-Usingen und lebte seit dem 1744 vollzogenen Residenzwechsel in Biebrich. Er trat in österreichische Kriegsdienste und zeichnete sich im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) gegen Preußen aus. 1790 hatte er den Rang eines Kaiserlichen Feldmarschalls inne. 1803 folgte er seinem ohne männliche Erben verstorbenen Bruder Karl Wilhelm in der Regierung. Verheiratet war Friedrich August mit Luise von Waldeck. aus der Ehe gingen zwei Söhne, die schon in ihrem ersten Lebensjahr verstarben, und fünf Töchter hervor. Besucher rühmten die Gastlichkeit und Heiterkeit der Herzoglichen Hofhaltung im Biebricher Schloss. Der Souverän zog sich häufig in die "Mosburg" zurück, die er im hinteren Teil des Biebricher Schlossparks hatte errichten lassen.
Nur widerstrebend und im Interesse der Dynastie hatte sich Fridrich August mit der politischen Entwicklung abgefunden, die zur völligen Abhängigkeit von Frankreich und zur Zerschlagung des Reiches führte. Friedrich Wilhelm von Nassau-Weilburg hingegen erkannte zutreffend und ohne die emotionalen Hemmungen seines Verwandten, dass nur eine aktive Politik das verschwinden Nassaus von der politischen Landkarte verhindern konnte. So gelang es ihm 1810 durch gute Kontakte zum kaiserlichen Hof in Paris erfolgreich, Bestrebungen abzuwehren, aus Hessen, Nassau und Frankfurt ein "Königreich Franken" für Eugen Napoleon zu bilden.
Die äußere Souveränität des Herzogtums geriet aber erst recht nach den Erfolgen der Gegner Napoleons in den sog. "Freiheitskriegen" in Gefahr. da half nur strikter Seitenwechsel, um schließlich zu den Siegern von Waterloo zu gehören und im Wiener Kongress die Anerkennung als Gliedstaat des Deutschen Bundes zu erhalten.
Die Rheinbundakte hatte die Staatsgewalt als Recht der Gesetzgebung, Gerichtshoheit und Besteuerung definiert. Nun galt es, diesen rechtlichen Rahmen angemessen und zeitgemäß auszufüllen. Friedrich August und Friedrich Wilhelm konnten sich dabei auf fähige Minister und Berater wie den Freiherrn Ernst Marschall von Bieberstein, Freiherrn Hans Christoph von Gagern und Carl von Ibell stützen. Verwaltungsreform, Aufhebung der Leibeigenschaft, Einführung einer Brandversicherung, steuerreform mit Wegfall der Privilegien des Adels, Pressefreiheit und die erste Verfassung im Deutschen Bund sind Meilensteine auf dem Weg Nassaus zu einem modernen Staatswesen.

Autokratischer Regierungsstil unter Herzog Wilhelm

Mit dem Tod Friedrich Augusts am 24. März 1816 ging die Herzogswürde auf die Linie Nassau-Weilburg über. Friedrich Wilhelm war allerdings kurz zuvor, am 16. Januar 1816, tödlich verunglückt, sodass sein ältester Sohn und Erbe Wilhelm zweiter Herzog von Nassau wurde. er kam am 14. Juni 1792 im damals noch nassauischen Kirchheimboladen (kurz danach marschierten die französischen Revolutionstruppen ein und beendeten die seit 1393 bestehende nassauische Herrschaft) zur Welt und heiratete 1813 die Prinzessin Luise von Sachsen-Hildburghausen. 1815 nahm er an der Schlacht von Waterloo teil. Er war gezielt auf sein Amt als Monarch vorbereitet worden und hatte im Freiherrn von Dungern einen ausgezeichneten Erzieher erhalten. zur Ausbildung gehörte ein viersemestriges Studium in Heidelberg.
Wilhelm, für den an der Wiesbadener Wilhelmstraße das repräsentative Erbprinzenpalais errichtet worden war, verlegte seine Residenz in das Biebricher Schloss - das Erbprinzenpalais beherbergte fortan Bibliothek und Museum. der Herzog wurde von den Zeitgenossen als persönlich hochbegabt, witzig und auch als geschäftstüchtig beschrieben. Nicht mehr als zeitgemäß empfand man seinen autokratischen Regierungsstil; selbst im Familienkreis trat er als "Herr und Gebieter" auf. Nach dem Tod der Herzogin Luise (+ 25.4.1825) heiratete er 1829 die württembergische Prinzessin Pauline. aus erster Ehe waren vier Töchter und vier Söhne hervorgegangen, von denen einige früh starben; die zweite Ehe brachte vier Kinder, von denen zwei Töchter und ein Sohn die Kinderzeit überlebten. Während eines Kuraufenthalts in Bad Kissingen verstarb Wilhelm am 20. August 1839.

Herzog Adolf, zwischen Revolution und Reaktion

Im Alter von gerade 22 Jahren folgte der älteste Sohn Adolf (* 24. Juli 1817 in Biebrich) auf den Thron. auch er war umfassend auf sein verantwortungsvolles Amt vorbereitet worden. zur Ausbildung gehörte u.a. ein Studium in Wien. diese Lebensphase sollte Adolf auf Dauer prägen. Letztlich führte die konsequente Orientierung an der Politik der Donaumonarchie zu der für Nassau so verhängnissvollen Kriegsentscheidung von 1866.
Doch diesem Einschnitt ging eine über 25-jährige Regierungszeit voraus, die von Höhen und Tiefen geprägt wurde. In erster Ehe war Adolf mit der russichen Prinzessin Elisabeth, Tochter des Großfürsten Michael von Russland und Nichte des Zaren Nikolaus I., verheiratet, die am 28. Januar 1845 im Kindbett verstarb und der mit der Russischen Kapelle am Wiesbadener Neroberg ein eindrucksvolles Grabdenkmal geschaffen wurde. 1851 heiratete der Herzog Prinzessin Adelheid von Anhalt-Dessau. Seine diplomatischen Vorstöße der Jahre 1842/44, den Titel eines Großherzogs zu erreichen, scheiterten am Widerstand der anderen Höfe des Deutschen Bundes.
Eine der ersten Entscheidungen des jungen Herzogs war die lang aufgeschobene Gründung einer Landescreditcasse, die die Finanzierung der Zehntablösung als Hauptaufgabe hatte. Schon 1840 erhielt Nassau Anschluss an das sich entwickelnde Eisenbahnnetz (Taunusbahn); 1862 kam es zur Gründung der Herzoglich-Nassauischen Staats-Eisenbahn. Die Schiffbarmachung der Lahn sollte der Wirtschaft im mittleren Landesteil Aufschwung verleihen. Endlos hingegen waren die Auseinandersetzungen um den Status der Domänen, die immerhin 11,5 % der Landesfläche einnahmen, die die Beziehungen zwischen Dynastie und Volk belasteten. Es waren nicht zuletzt diese Probleme, die zu der Fast-Revolution von 1848 führten. Zwar hatte die Umsicht und persönliche Tapferkeit des Herzogs, der die demonstrierenden Massen vom Balkon des Wiesbadener Stadtschlosses aus besänftigen konnte, einen republikanischen Umsturz letztlich verhindern, aber eine Einigung in der Domänenfrage kam erst 1861 zustande.

Die letzten Jahre der Regentschaft Herzog Adolfs wurden überschattet durch die außenpolitischen Gegensätze zwischen der zu Österreich tendierenden Regierung und der sich an Preußen orientierenden Parlamentsmehrheit. Der Bruderkrieg von 1866 endete mit dem Sieg der preußischen Militärmacht und führte zur Annexion des Herzogtums sowie zur Absetzung des Herzogs.

Großherzog von Luxemburg

Doch der nassauische Erbvertrag von 1783 verhinderte, dass Adolf sein Leben als Privatmann beschloss. Denn jener Erbvertrag sah den Vorrang der männlichen Erbfolge vor. Diese Regelung galt im Großherzogtum Luxemburg, das seit dem Wiener Kongress in Personalunion mit dem Königreich der Niederlande verbunden war und in dem das Haus Oranien-Nassau regierte. Als der letzte männliche Oranier, König-Großherzog Wilhelm III., 1890 starb, folgte ihm in den Niederlanden seine Tochter Wilhelmina, in Luxemburg aber Adolf von Nassau. es war ihm beschieden, noch 15 Jahre sein Amt auszuüben, ehe er am 17. November 1905 verstarb - "in Luxemburg und im Nassauer Land gingen die Fahnen auf Halbmast", wie Pierre Even formulierte. Dass Herzog Adolf bei seinen früheren Untertanen noch immer in hohem Ansehen stand, beweist, dass aus allen Schichten der Bevölkerung Spenden eingingen, die die Errichtung des prachtvollen "Landesdenkmals" mit dem Standbild des Herzogs auf der Höhe über Biebrich ermöglichten, da am 26. Oktober 1909 enthüllt wurde. Vier Jahrzehnte nach der Depossidierung waren die früher heftig beklagten Mißstände, die bürokratische Bevormundung wie die Kleinkariertheit der herzoglichen Zeit offenbar vergessen. Nun überwog der Stolz auf eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte mit ihren Höhen und Tiefen. Und 1985 wurde die Inschrift des Denkmals durch den Zusatz "Großherzog von Luxemburg 1890-1905" ergänzt. So entstand das erste luxemburgische Nationaldenkmal außerhalb der Landesgrenzen, das damit zugleich die Bedeutung des Hauses Nassau für die westeuropäische Geschichtslandschaft augenfällig macht.

Klaus Kopp, Jahrbuch des Rheingau-Taunus-Kreises 2001, Herausgegeben vom Kreisausschuß des Rheingau-Taunus-Kreises

 
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