Die Bedeutung des Herzogtums Nassau (1806-1866) für die Region des Rheingau-Taunus-Kreises

Erinnerung an eine wichtige Epoche unserer Heimat

Das Herzogtum Nassau und seine Geschichte scheint in Vergessenheit geraten. So führen beispielsweise nur noch wenige Einrichtungen in ihrem Namen die Bezeichnung "Nassau, nassauisch", etwa der Verein für nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, die Historische Kommission für Nassau, die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau, die Nassauische Sparkasse, das Nassauer Pils. Das liegt sicher daran, dass die 60 Jahre seines Bestehens im 19. Jahrhundert in nationalgeschichtlicher Hinsicht von den einschneidenden Ereignissen des 20. Jahrhunderts überlagert werden und dass die nun schon über ein halbes Jahrhundert bestehende hessische Geschichte unseres Landes in landesgeschichtlicher Hinsicht den historischen Horizont begrenzt.
Doch dürfen wir trotz dieser Feststellung die Zeit des Herzogtums Nassau nicht vergessen. Sie ist ein wichtiger Teil der Geschichte unserer Heimat und damit auch ein Teil unserer eigenen Vergangenheit. Damals wurden die politischen und gesellschaftlichen Grundlagen für unser heutiges Verständnis von einem demokratischen Staatswesen gelegt. Um Teilhabe an der Macht und um Gewährung von Bürgerrechten ist in jenen Jahrzehnten gekämpft worden. Ohne das Ringen um bürgerliche Freiheit und nationale Einheit wären die für uns heute so selbstverständlichen demokratischen Errungenschaften nicht erreicht worden. Wir sollten uns stets bewußt sein, dass wir auf dem stehen, was damals erstritten worden ist. Deshalb lohnt es sich, immer wieder an das Herzogtum Nassau, seine Geschichte und insbesondere an die Menschen, die damals gelebt und gewirkt haben, zu erinnern.

Die Gründung

Die Gründung des Herzogtums Nassau fiel in eine der dramatischsten Epochen der Weltgeschichte. Die 900jährige Geschichte des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation hatte zu Beginn des 19.Jahrhunderts ein Ende gefunden, neue politische Ordnungen traten an seine Stelle, die Landkarte Europas wurde grundlegend verändert. Diese tiefgreifenden Umwälzungen wurden von Napoleon veranlasst. Er war der "Weltgeist zu Pferde" (Hegel). auch die nassauischen Länder wurden in diesen Strudel mit hineingerissen und verändert.
Der Beitritt der Fürsten Friedrich August von Nassau-Usingen und Friedrich Wilhelm von Nassau-Weilburg zumRheinbund am 17. Juli 1806 brachte für Fürst Friedrich August, den Senior des Hauses Nassau, die Herzogwürde. Zugleich trafen die beiden Fürsten die Entscheidung, ihre beiden Länder zu einem Herzogtum zu vereinen. Dies geschah am 30. August 1806. Es gab keinen Wahlakt, keine Krönung oder gar eine Befragung der Untertanen. Die Gründung des Herzogtums Nassau beruhte allein auf dem Willen Kaiser Napoleons und der Entscheidung der beiden Fürsten. Damit legten sie den Grundstein für eine positive Entwicklung des Nassauer Lander´s zwischen Rhein und Main und Lahn, Dill und Sieg.

Zeitgemäße Gesetze

Das neu gebildete Herzogtum Nassau setzte sich aus mehr als 20 einst selbständigen Teilen und Territorien zusammen - aus alten Landesteilen, Entschädigungslanden, säkularisierten und ehemals dem Reich unterstellten Gebieten.
Es galt nun, diese Teile zu einem einheitlichen Staatswesen zusammenzuführen. Zeitgemäße Gesetze und Verordnungen, die die Würde und die Rechte der Untertanen anerkannten, bereiteten den Boden vor, um althergebrachte Schranken niederzureißen und den Weg zu einer moderneren Gesellschaft zu ebnen.
Unter den zahlreichen Gesetzen ragen die Aufhebung der Leibeigenschaft (1806), die Einführung der Reise- und Niederlassungsfreiheit (1810), die grundlegende Steuerreform (1812) hervor. Weitere Gesetze betrafen die Aufhebung der entehrenden Körperschaften. Die Kulturverordnung ermöglichte die freie Verfügung über Grund und Boden. Fortan stand es jedem frei, Handel zu treiben und ein Gewerbe auszuüben. Auch der Zunftzwang wurde aufgehoben. Ziel dieser neuen Gesetze war der unabhängige Wirtschafsbürger.
Auch in religiöser Hinsicht war man toleranter geworden, Katholiken waren gleichberechtigt; Juden wurden vom entehrenden Leibzoll befreit. Zu erinnern ist an die Einführung der christlichen Simultanschule (1817), in der Kinder aller Konfessionen in einem Schulsystem erzogen wurden, oder die vorbildliche Versorgung der Bevölkerung im medizinischen Bereich.
Weitblickende Staatsmänner, die den Ideen der Aufklärung verpflichtet waren, bestimmten die Richtung der Regierungspolitik. Neben dem dirigierenden Staatsminister Ernst Freiherr Marschall von Bieberstein waren an entscheidendender Stelle der Regierungspräsident Karl von Ibell und der staatsrechtslehrer Ludwig Harscher von Almendingen tätig. Sie stellten das Herzogtum Nassau zu Beginn des 19. Jahrhunderts in die Reihe jener Staaten, die liberale Gedanken zur Grundlage des staatlichen Handelns machten.

Kernstück der Reformgesetzgebung war der Erlaß einer landständischen Verfassung vom 1./2. September 1814, an deren Formulierung der Reichsfreiherr Karl vom und zum Stein beteiligt war. Das Herzogtum Nassau war damit der erste deutsche Staat, der eine Verfassung mit bemerkenswerten liberalen Elementen erhielt. Es waren zwei Kammern vorgesehen, eine Landesdeputiertenversammlung und eine Herrenbank. Zwar waren die Landstände noch keine demokratischen Parlamente in unserem modernen Verständnis. Dennoch darf man ihre Bedeutung nicht unterschätzen, da sie erstmals eine - wenn auch nur begrenzte - Mitwirkung der Bürger am politischen Entscheidungsprozeß sicherten. Nach wie vor blieb der Herzog Träger der Souveränität und der obersten Staatsgewalt. Er war jedoch zukünftig an die Normen der Verfassung gebunden. Dies war ein bedeutender Schritt zum modernen Parlamentarismus, da er eine Verrechtlichung von politischer Herrschaft darstelle.

Auseinandersetzung um die Domänen

Doch die in der Verfassung versprochene Teilhabe der Untertanen am staatlichen Leben fand letztlich dann doch keine Verwirklichung. Unter Herzog Wilhelm, der 1816 zunächst die Nachfolge seines Vaters Friedrich Wilhelm in Weilburg und dann die seines Onkels Friedrich August in Biebrich angetreten hatte, wandelte sich das politische Klima. Der Herzog hielt beharrlich an den Grundsätzen des Gottesgnadentums seiner Herrschaft fest und wollte keinesfalls die Macht im Herzogtum teilen.
Im Zusammenhang mit den Karlsbadener Beschlüssen und bestärkt durch das Attentat des Apothekers Löhning auf den Regierungspräsidenten Ibell versuchte man, durch Verbote die liberalen Ideen zu unterdrücken. Auch wurden die Landstände erst 1818 einberufen, was ganz deutlich den restriktiven Kurs der Regierung zeigte, die Rechte der Landstände einzuschränken.
Doch der ruf nach Recht und Freiheit konnte nicht mundtot gemacht werden. In Petitionen versuchten die Bürger ihre Mitspracherechte einzufordern. Und in den Landständen begann ein Kampf um die Kontrollen der Domänen.
Dieser Streit beherrschte mehrere Jahrzehnte lang das politische Geschehen in Nassau, wobei es letzlich um die Macht im Herzogtum, um die Beteiligung der Bürger an der Macht im Staat ging.

Auf der einen Seite standen Herzog Wilhelm und die herzogliche Regierung. Der Landesherr wollte auf keinen Fall, dass die Volksvertretung in seine Rechte eingreifen sollte. Auf der anderen Seite stand mit dem Präsidenten der Landesdeputirtenversammlung, dem aus Eltville stammenden Georg Herber, ein unerschrockener Kämpfer für die Rechte des Parlaments. Der Herzog siegte, er setzte die Justiz gegen Herber ein. In einem Geheimverfahren wurde er 1832 wegen "Majestätsverbrechen" zu drei Jahren Festungshaft verurteilt und entging dem Strafantritt nur durch den Tod.
Außerdem scheute der Herzog nicht vor einem Verfassungsbruch zurück. Durch eine Gesetzesänderung ließ er die Anzahl der Mitglieder der Herrenbank erhöhen und konnte so das negative Votum der Landesdeputierten überstimmen. Außerdem sorgte er dafür, dass möglichst viele "Jasager" in die Landesdeputiertenversammlung gewählt wurden.
Doch der Ruf nach Teilhabe an der Staatsgewalt ließ sich nicht ersticken.
Die oppositionellen Kräfte fanden sich in Vereinen zusammen, um Gleichgesinnte zu treffen, politische Meinungen auszutauschen und Zeitungen - natürlich aus den liberaleren Nachbarländern - zu lesen und zu diskutieren. Die Turn- und Gesangsvereine jener Jahre wurden zu den politischen Proseminaren der Revolution von 1848.

Revolution und Restauration

Dann kam das Jahr 1848. In den ersten Märztagen geriet das politische Machtgefüge in Europa ins Wanken. Auch im Herzogtum Nassau stellten die Bürger forderungen an den Landesherrn nach der Verwirklichung von bürgerlichen Rechten. Die berühmten "Neun Forderungen der Nassauer" beweisen dies. Sie entsprachen ganz dem politischen Denken des liberalen Bürgertums. Sie zeigen das wache Bewußtsein der Bürger, endlich die herzogliche Regierung zu einer anpassung ihrer Politik an die Erfordernisse der Zeit zu zwingen. Durch seine Zustimmung konnte Herzog Adolf in letzter Minute den Sturz der Monarchie verhindern. 30.000 Menschen hatten sich vor dem Wiesbadener Stadtschloß versammelt, bereit das Schloss zu stürmen und das Land in ein Chaos zu stürzen.
Unter dem "Märzminister" August Hergenhahn wurden fortschrittliche Gesetze verabschiedet. Herzog Adolf vertrat sogar die Ansicht des Frankfurter Paulskirchenparlamentses und bat in einem persönlichen Schreiben König Friedrich Wilhelm IV. "kniefällig", doch die ihm angetragene Kaiserkrone anzunehmen.

Dann brach die Zeit der Restauration an und auch in Nassau wurden - wie in anderen Staaten - die fortschrittlichen Gesetze wieder zurückgenommen. erneut begann ein Kampf zwischen der herzoglichen Regierung unter Prinz August Ludwig von Sayn-Wittgenstein und der Zweiten Kammer. Hier spielten die Juristen Friedrich Lang und Karl Braun eine immer dominierende Rolle.
Mit Auflösung des Landtags und Neuwahlen wollte die Regierung ihre restaurative Politik durchsetzen. Die Presse wurde unterdrückt, das Vereins- und Versammlungsrecht eingeschränkt. Doch trotz vielseitiger Einflußnahme auf die Bürger siegten die Liberalen bei den Wahlen.
Für die oppositionelle Haltung der Bürger waren auch die wirtschaftlichen Verhältnisse entscheidend. Die Zollpolitik der herzoglichen Regierung war ganz auf die Donaumonarchie ausgerichtet, die wirtschaftlichen Interessen des Landes orientierten sich demgegenüber an Preußen. So bot allein die Opposition im Landtag den wirtschaftlich engagierten Bürgern eine Plattform für ihre Bestrebungen, und im Limburger Programm von 1863 formulierten die Liberalen ihre Grundsätze für den Kampf gegen den autoritären Obrigkeitsstaat.
Wenn Verbote der oppositionellen Versammlungen drohten, traf man sich sogar auf einem Schiff auf dem Rhein außerhalb des Landes.

1866: Das Ende des Herzogtums

Dann kam das unglückliche Ende des Herzogtums. Im Krieg von 1866 stand Nassau treu zum Deutschen Bund und unterstützte Österreich gegen Preußen. Der preußische Mi`??¸??`nisterpräsident Otto von Bismarck hatte diesen Krieg angezettelt, um durch "Blut und Eisen" für Preußen die führende Position in Deutschland zu erreichen. Eine einzige Schlacht am 3. Juli 1866 bei Köiggrätz entschied den Krieg. das Herzogtum Nassau stand auf der Seite des Besiegten und wurde von Preußen als Kriegsbeute angesehen. Das Land wurde annektiert, der Herzog abgesetzt und mußte ins Exil gehen. Damals setzte sich das Recht des Stärkeren durch. Es konnte allerdings niemand ahnen, dass Herzog Adolf 24 jahre später noch einmal Souverän eines Landes werden sollte: 1890 wurde er Großherzog von Luxemburg.
Der Annexion des Landes durch Preußen standen weite Kreise der Bevölkerung nicht ablehnend gegenüber. Die Opposition im Landtag hatte dem Herzog sogar die Aufnahme von Krediten zur Kriegsführung gegen Preußen verweigert. Doch im großen Königreich Preußen fanden die Nassauer dann doch nicht die Anerkennung, die sie sich erhofft hatten. Ihre Identität suchten sie in der Rückwendung auf die Vergangenheit ihres Landes und ihrem ehemaligen Landesherrn errichteten sie sogar Denkmäler, wie in Biebrich, in Weilburg und in Königstein.

Ausblick

Das Herzogtum Nassau bestand nur 60 Jahre. Denkmäler werden heute keine mehr errichtet. eine Rückkehr zur Monarchie ist nicht mehr möglich. Doch die nassauische Zeit von 1806 bis 1866 kann sicher als eine der wichtigsten Epochen in der Geschichte unserer Heimat angesehen werden. sie darf nicht in Vergessenheit geraten. das vorliegende Jahrbuch 2001 soll mit dem Schwerpunkt "Herzogtum Nassau" dazu einen Beitrag leisten.

Grundlage dieses Beitrages bildeten die Gedanken, die der Verfasser am 13. Dezember 1999 anläßlich der Vorstellung des jahrbuches des Rheingau-Taunus-Kreises 2000 in Eltville vorgetragen hat.

Dr. Rolf Faber, Jahrbuch des Rheingau-Taunus-Kreises 2001, Herausgegeben vom Kreisausschuß des Rheingau-Taunus-Kreises.

 
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