Idstein - ehemalige nassauische Residenzstadt

Residenzstadt

Gleichgültig, ob man sich auf der Autobahn aus Richtung Frankfurt oder aus Richtung Köln kommend Idstein nähert, ein eindrucksvolles Schild mit der Abbildung einer Stadtsilhuette aus Turm und Türmchen, Dachreiter und Dächern weist auf die östlich der A3 liegende Kleinstadt hin. Und selbst ein nur kurzer Blick vom Lenkrad lässt eindeutig den Schlossbezirk erkennen, der Keimzelle der nassauischen Residenz war.
Burg Idstein ist urkundlich im Jahr 1102 erstmals erwähnt, unter ihrem damaligen Namen "Etichestein", doch kann angenommen werden, dass sie einige Jahrzehnte früher, im 11. Jh., von Eticho erbaut wurde. Die Besitzung fiel durch Schenkung an das Erzbistum Mainz, das die Grafen von Laurenburg mit Idstein belehnte. Später nannten sich die Laurenburger nach ihrem Besitz Nassau, und sie wurden die Herren von Idstein.
Das Gefolge der Grafen, kleinadelige Burgmannen, siedelte zu Füßen der Burg, die auf dem Platz angenommen werden kann, den heute das ldsteiner Schloss einnimmt. Grafen und Burgmannen hatten Bedarf an Gewerbe und Handwerk, und so vergrößerte sich die Siedlung Idstein.

Der Teilungsvertrag von 1255

Regiert wurde das Territorium von Heinrich II. von Nassau, dem Reichen (* vor 1190, + um 1247/50). Nach dessen Tod teilten seine beiden Söhne Otto (erw. ab 1247, +1289) und Walram (erw. ab 1235,+ zwischen 1266 und 1274) im Jahr 1255 die Grafschaft. Otto entschied sich für den nördlich der Lahn gelegenen Teil, Walram erhielt die Gebiete südlich der Lahn mit Idstein und Weilburg. Idstein wurde seine Residenz.

Stadtrechte für Idstein

1287 erwirkte ein Sohn von Graf Walram, Graf Adolf von Nassau, (1255-1298; deutscher König 1292-1298) bei König Rudolf von Habsburg die Stadtrechte für Idstein. Damit war das Privileg verbunden, die Siedlung einzufrieden und Wochenmärkte abzuhalten. Die Einwohner kamen in den Genuß zahlreicher Befreiungen.
Graf Adolf I. (*um 1307, + 1370) übernahm mit seinem Bruder Johann 1346 die Regierung der nassau-walramischen Lande. Bei der erneuten Teilung 1355 erhielt er die Grafschaft Idstein-Wiesbaden und residierte fast ausschließlich in Idstein.
Selbstverständlich bedeuteten der Status "Residenzstadt und die Tatsache, daß hier die Verwaltung der Region ihren Sitz hatte, für die Siedlung und ihre Bewohner eine immense Aufwertung.
Zunächst war es nötig, die Stadt gegen eventuelle feindliche Übergriffe durch eine Umwallung abzusichern. Der Wohnsitz des Regenten erforderte einen bestimmten repräsentativen Luxus. Die herrschaftlichen Räte und Beamten sollten standesgemäß untergebracht werden und ihre Kinder eine gehobene Schulbildung erhalten. Die Familien wollten sich vor Ort zumindest mit den Arti-keln des täglichen Bedarfs eindecken können (was den Besuch von Messen und Märkten dennoch nicht überflüssig machte). Die zu erwartenden Gäste sollten komfortabel logieren. Auch ihre Pferde mussten Unterkunft finden. Reinlichkeit und Hygiene in den Häusern und auf den Straßen sollten sich von Siedlun-gen auf dem Land vorteilhaft abheben.
Allen diesen Anforderungen wurde Idstein im Laufe der Jahrhunderte, abhängig von den Zeistläuften, in steigendem Maße gerecht: aus der ursprünglichen Burg wurde ein Schloss, Straßen wurden gepflastert und beleuchtet, Handwerker, Geschäftsleute und Gastwirte siedelten sich an, Vorschriften für das Leben miteinander wurden von der Herrschaft in enger Kooperation mit der Verwaltung der Stadt erlassen und kontrolliert.

Bedeutende Idsteiner Regenten

Stadtgeschichte ist in Idstein fast gleichbedeutend mit Herrschaftsgeschichte, und so kann vor allen Dingen an Baudenkmälern, städtebaulichen Neuerungen sowie Erlassen für das Zusammenleben die Geschichte der Residenzstadt nachvollzogen werden.

Das Engagement des späteren deutschen Königs Adolf für Idsteins Fortkommen ist bereits oben erwähnt. Um 1300 wurde Idstein selbständige Pfarrei. Unter dem in Wiesbaden residierenden Grafen Gerlach 1. (* ca. 1283, + 1361) wurde 1340 das St. Martinsstift gegründet. Fast ständig in Idstein residierte Graf Adolf I. In seine Zeit fällt die Erweiterung der Stadtkirche und die Erbauung des Hexenturms. In der Regierungszeit der Brüder Adolf III. (1443-1511) und Philipp (1450-1509) wurde der Hexenturm umgebaut (1501) und das Torbogengebäude errichtet (1497). 1502 hielt sich Kaiser Maximilian I. auf der Durchreise für eine Nacht bei seinen langjährigen Beratern Graf Adolf und Graf Philipp auf.
1542 führte Philipp der Altherr (1490-1558) zögernd die Reformation in seiner Grafschaft ein. Er starb in Idstein, wo sein Sohn Philipp der Jungherr (1516-1566) das Stift aufhob und die Reformation durchführte. Philipp der Jungherr überließ 1564 seinem Bruder BaItasar (1520-1568) die Herrschaft Idstein, während er die Herrschaft Wiesbaden behielt. Balthasar war es nur für vier Jahre vergönnt, für Idstein zu wirken. Er ließ die Gebäudegruppe in der Oberen Schloßgasse ("BGZN 1565") erbauen und einen Lustgarten anlegen. Sein Sohn Johann Ludwig I. (1565), der 1596 tödlich verunglückte, brachte Id-stein zu einer bedeutenden Blüte: das Schloss wurde erweitert (1590), das "Alte Amtsgericht" erbaut (1588), der Bau von Bürgerhäusern gefördert (u.a. Obergasse 1 und 14; der "Löwen"), was auf den Zuzug von finanzstarken Neubürgern schließen lässt.

Blütezeit für rund einhundert Jahre

1) Graf Ludwig II.
Ab 1605 war Graf Ludwig II. von Nassau-Weilburg (1565-1627) nach dem Erlöschen der älteren ldsteiner Linie Herr von Idstein. Er residierte fernab in Saarbrücken, und dennoch erlebte Idstein eine Blütezeit, die allerdings durch den 30-jährigen Krieg gestoppt wurde. Graf Ludwig ließ das marode ldsteiner Schloss teilweise abtragen und dann erweitern. Diese Großbaustelle zog Bauhandwerker an, von denen sich manche auf Dauer in Idstein niederließen. Bedeutende Bürgerhäuser entstanden, so z.B. das Killingerhaus und das Haus des Schloßbauschreibers Henrich Heer, der heutige Hoerhof.

2) Graf Johannes
Durch Teilungsvertrag unter drei Brüdern wurde ab 1629 Graf Johannes neuer Landesherr von Idstein, und er bezog sogleich seine Residenz, wenn auch der Umbau des Schlosses noch nicht beendet war. Er wurde Begründer der jüngeren Linie Nassau-Idstein.
Bereits 1634 musste der Graf mit seiner Familie sein Territorium im Taunus auf kaiserlichen Befehl verlassen: der Graf war Protestant und konsequenter Anhänger von König Gustav Adolf von Schweden. Nach dem Sieg der Kaiserlichen Liga bei der Schlacht von Nördlingen gab es für die Vertreter der protestantischen Sache kein Pardon.
Die Grafschaft und die kleine Residenz hatten unter der Abwesenheit des Regenten und seines Verwaltungsapparates schwer zu leiden. Truppendurchmärsche, Verpfändungen, Hungersnöte, Epidemien und Drangsale belasteten die Bevölkerung aufs Äußerste.
Als Graf Johannes 1646 wieder nach Idstein zurückkehren durfte, hatte er zunächst um den nötigsten Lebensunterhalt und eine Unterkunft zu kämpfen, denn das Schloss war ohne Fenster, ohne Türen, ohne Fußböden, mit undichten Dächern und zerstörten Ofen fast unbewohnbar, der Viehhof und die Landwirtschaft lagen brach.
Der Landesherr hielt seine Untertanen bereits 1647 an, ihre Gebäude in Fundament, Dach und Fach in besten Zustand zu versetzen und stellte Steuerbefreiung in Aussicht. Mit großer Energie und Verwaltungsgeschick brachte er das Gefüge seiner Grafschaft wieder ins Lot und konnte sich nebenbei seinen diver-sen Liebhabereien widmen, von denen die Stadt heute noch profitiert: im Schlossbering ließ er mit exotischen Pflanzen, künstlichen Grotten und luxuriösen Wasserspielen einen Lustgarten anlegen, dessen Bepflanzungsschema die Stadt Idstein um 1990 aufgegriffen hat. Idstein ist dadurch um eine besinnliche Oase reicher geworden.

Ab 1665 bis zu seinem Tod 1677 ließ der Graf die Stadtkirche umbauen. Landeseigener Marmor wurde zu Säulen und Arkadenbögen verarbeitet, die Decke und die Wände des Mittelschiffes wurden durch den niederländischen Maler Michiot Engel lmmenradt und Johann von Sandrart mit Gemälden nach biblischen Themen vollkommen bedeckt. Eine Kanzel und ein Altar, beide gleichfalls aus Marmor, entstanden kurz vor dem Tod des Grafen.

3) Fürst Georg August Samuel
Von den zahlreichen Kindern des Grafen Johannes aus zwei Ehen überlebte nur ein spätgeborener Sohn, Georg August Samuel (1665-1721, gefürstet 1688). In seiner Regierungszeit fielen die östliche Stadtmauer und das Himmelstor, und eine Stadterweiterung bis zur Kreuzgasse bot zahlreichen Neubürgern, vor allen Dingen Handwerkern, Bauplätze. Der Landesherr verschenkte teilweise die Baugrundstücke, auch das Bauholz dazu und lockte mit Steuerfreiheiten. Mit des Fürsten Finanzhilfe errichteten die ldsteiner Bürger ihr Rathaus (1698).
Für eine kurze Zeit (1692) wurde unter Georg August Idstein wieder zur Münzstätte. Allerdings konnte auch er wie viele andere der Versuchung nicht widerstehen den vorgeschriebenen Feingehalt zu seinen Gunsten zu manipulieren.
Fürst Georg August ließ auf der Obergasse 1689/90 das Gymnasium erbauen, ließ die Pflasterung der Straßen vorantreiben und bestellte 1688 einen Hofapotheker, der neben Medikamenten auch Gewürz, Zucker und Baumöl vorrätig halten sollte. Mit Verfügungen beginnt er den lang andauernden Kampf gegen die bei den Untertanen beliebten Strohdächer, die zwar zunächst kaum Kosten verursachten, im Brandfalle aber jeden Löschversuch zum Scheitern verurteilten.
Fast alle Raumdekorationen, die heute noch im Idsteiner Schloss zu sehen sind (Stuckdecken und Deckengemälde) stammen aus der Zeit des Fürsten Georg August. Er zog namhafte Künstler (Maler, Tischler, Schnitzer, Stuckateure) unter der Gesamtleitung von Maximilian von Welsch nach Idstein und ließ im Schloss wieder eine Kapelle einrichten. Unter Georg August wurde die Hofhaltung in Idstein luxuriös. Die beträchtlichen Schulden, mit denen seine Erben nach seinem unvermutet frühen Tod zu kämpfen hatten, sind nicht zuletzt auf diese Lebensführung zurückzuführen.

Nachklänge

Fürst Georg August verstarb ohne männliche Nachkommen. Die Linie Nassau-Idstein erlosch und mit ihr das Hofleben, das nicht nur Beamte und Bedienstete, sondern auch Künstler, Handwerker und Händler in Lohn und Brot gesetzt hatte. Idstein hatte aufgehört, Residenz zu sein. Um diese Verluste an Arbeitsplätzen, Einkommen und Reputa-tion zumindest ansatzweise auszugleichen, bemühte sich die neue Landesherrschaft um Ersatz. So wurde ab 1728 im Idsteiner Schloss das Archiv des linksrheinischen nassau-walramischen Stammes eingerichtet, wurde der Ausbau der Stadtkirche vollendet, das Gymnasium gepflegt und ein Lehrerseminar ins Leben gerufen.
Im 21. Jh. hat Idstein ein ausgewogenes Angebot an Handel, Gewerbe- und Industrieansiedlungen, eine gute Verkehrsanbindung und eine steigende Nachfrage nach Neubaugebieten. Wenn man Neubürger fragt, was bei ihrer Ansiedlung den Ausschlag gegeben hat, ist die Anwort häufig: "Der historische Stadtkern, die bezaubernde Altstadt, der Schlossbezirk - eine Stadt, mit der man sich identifizieren kann."

Christel Lentz, Jahrbuch des Rheingau-Taunus-Kreises 2002, Herausgegeben vom Kreisausschuß des Rheingau-Taunus-Kreises

 
Neues Impressum Haftungsausschluß / Disclaimer