Staatlicher Dirigismus und neue Gläubigkeit (Die Kirche im Herzogtum Nassau)

Konfessionelle Vielfalt

Die altnassauischen Territorien waren protestantisch. Nach dem Grundsatz, daß die Religion der Untertanen der des Landesherrn folgt, gehörten die Bewohner der nassau-ottonischen Fürstentümer nördlich der Lahn dem reformierten, die der nassau-walramischen Fürstentümer südlich der Lahn dem lutherischen Bekenntnis an. Eine Ausnahme bildete das an Preußen abgetretene Siegerland kann hier außer Betracht bleiben - lediglich das Fürstentum Nassau-Hadamar. Es war seit 1630 von seinem damaligen Regenten rekatholisiert worden, 1711 durch die Erbfolge von Nassau-Dillenburg jedoch wieder an einen protestantischen Herrscher gefallen, ohne daß die Bewohner ihr Bekenntnis erneut wechseln mußten. Im übrigen galt, was der Westfälische Frieden 1648 verbindlich festgesetzt hatte: Maßgeblich war der Konfessionsstand des Normaljahrs 1624, und das hieß, die oranischen Territorien waren reformiert, die walramischen lutherisch.
Erst die territorialen Umwälzungen der napoleonischen Zeit haben diese Deckungsgleichheit von Staat und Konfession schlagartig beendet. Durch die Eingliederung von Gebietsteilen der 1802/3 aufgehobenen geistlichen Fürstentümer konnten die nassauischen Fürsten nicht nur ihre linksrheinischen Landverluste mehr als wettmachen, sondern sie besaßen mit einem Mal auch eine beträchtliche Zahl katholischer Untertanen. Während von den beiden walramischen Linien Nassau-Usingen aus kurmainzischem und kurkölnischem Besitz entschädigt wurde und neben dem Rheingau und dem nördlichen Untermaingebiet einen schmalen rechtsrheinischen Landstrich bis in die Höhe von Deutz erhielt, dehnte Nassau-Weilburg seine Herrschaft auf die bisher kurtrierischen Teile des Westerwalds aus. Der ottonische Zweig gewann das Fürstentum Fulda hinzu. Für eine weitere konfessionelle Mischung sorgten die 1806 erfolgte Mediatisierung kleinerer weltlicher Herrschaften sowie die gleichzeitige Errichtung des Herzogtums Nassau, das sämtliche nassauischen Territorien in einem Gesamtstaat zusammenfaßte. Allerdings gingen damals auch erhebliche Gebiete verloren, darunter die soeben erst einverleibten kölnischen und fuldischen Besitzungen sowie ein Großteil der altnassauischen ottonischen Länder auf dem Westerwald. Ebenso brachten der Wiener Kongreß und der 1816 gelungene Erwerb der Niedergrafschaft Katzenelnbogen noch einmal erhebliche Territorialverschiebungen. An der konfessionellen Vielfalt innerhalb des nassauischen Staates hat sich dadurch jedoch nichts geändert. Insgesamt bekannten sich nach Abschluß der territorialen Neuordnung von den rund 300.000 Einwohnern des Herzogtums 44,8 % zum katholischen, 27,3 % zum evangelisch-lutherischen und 26,1 % zum evangelisch-reformierten Glauben. In die restlichen 1,8 % teilten sich rund 5.000 Juden und 170 Mennoniten.

Religiöse Toleranz und landesherrliche Kirchenhoheit

Wie reagierten Fürst und Verwaltung auf die veränderte Situation? Sie verfuhren nach dem Grundsatz der Parität und erkannten Lutheraner, Reformierte und Katholiken als gleichberechtigte Religionsgemeinschaften an. Juden und Mennoniten blieben geduldete Minderheiten. Die religiösen Feiertage sollten wechselseitig geachtet und in Mischehen die Kinder bis zum 14. Jahr stets in der Religion des Vaters erzogen werden. Auch in der Bevölkerung selbst überwogen Toleranz und Verständigungsbereitschaft. Sowohl der evangelische wie der katholische Klerus war in weiten Teilen durch den Geist der Aufklärung geprägt. Dennoch ergaben sich Probleme. Sie entstanden dort, wo Staat und Kirche mit ihren jeweiligen gewachsenen Strukturen aufeinander trafen und wo es um die Abgrenzung der beiderseitigen Einflußsphären ging. Der Staat hat hier zweifellos die Oberhand besessen und von seiner Ordnungskompetenz sehr nachdrücklich Gebrauch gemacht. Schon unmittelbar nach der Eingliederung der säkularisierten Gebiete erklärten die Fürsten von Nassau-Usingen und Nassau-Weilburg, dass sie sich nicht in die Angelegenheiten der katholischen Kirche einmischen wollten, solange diese bloß die Glaubenslehre und den Kultus beträfen. Was die Abgrenzung der Pfarrbezirke, die Ernennung und Amtsführung der Pfarrer, die Verwaltung der Kircheneinkünfte, die Einführung von Fest- und Fasttagen, die Abhaltung von Prozessionen und die Einrichtung des Schulwesens anlange, stehe die Kontrolle und oberste Entscheidungsbefugnis jedoch dem Landesherrn zu.
Die Kirchenfrage wurde um so aktueller, je günstiger sich die Zukunftsaussichten des jungen Herzogtums darstellten. Nachdem der Wiener Kongreß den Fortbestand als eigenständiges Staatswesens endgültig gesichert hatte, wandte sich die politische Führung verstärkt dem inneren Landesausbau zu. Neben Verwaltung, Justiz und Finanzwesen galt dabei die Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse als besonders dringlich. Die staatliche Einheit sollte sich auch auf religiösem Gebiet manifestieren und durch die Errichtung von Landesbistümern planmäßig vollendet werden.

Die Evangelische Union von 1817

Am nächsten lag ein solcher Schritt bei den beiden protestantischen Kirchen. Als Summus episcopus übte der Landesherr hier ohnehin schon immer die oberste geistliche Gewalt aus. Neu war, daß durch die Territorialveränderungen in ein und demselben Staat nun nebeneinander zwei fast gleich starke protestantische Konfessionen existierten. Die bürokratischen Reformer, allen voran der Regierungspräsident Karl von IbeIl, sannen daher von Anfang an darauf, diesen mißlichen Zustand zu beenden. Zunächst wurde durch die Auflösung der bestehenden Konsistorien und die Übertragung ihrer Aufgaben auf die Landesregierung für eine einheitliche Verwaltungsinstanz gesorgt. Sowohl der lutherische wie der reformierte Generalsuperintendent gehörten dieser zentralen Landesbehörde als korrespondierende Mitglieder und Referenten für kirchliche Personal- und Diszplinarfragen persönlich an.

Die Absichten der politischen Führung gingen jedoch noch sehr viel weiter Sie wollte die beiden protestantischen Konfessionen nach Möglichkeit in einer gemeinsamen Kirche vereinen. Zugute kam ihr dabei, daß 1817 das 300jährige Jubiläum der Reformation gefeiert wurde. Die Besinnung auf den gemeinsamen Ursprung übte eine willkommene Schubkraft aus, um bestehende Gegensätze leichter zu überbrücken. Ohnehin hatten Aufklärung und Pietismus bereits viel dazu beigetragen, die konfessionelle Zwietracht zu mindern und ein Klima des Ausgleichs und der Versöhnung zu schaffen. Geschickt wußte Ibell, der zusammen mit Herzog Wilhelm als treibende Kraft hinter den Einigungsbestrebungen stand, nach außen hin den Eindruck zu vermitteln, die Initiative gehe nicht vom Staat, sondern vom Kirchenvolk selbst und seinen amtlichen Repräsentanten aus. Die beiden Generalsuperintendenten - der Lutheraner Georg Müller und der Reformierte Friedrich Gieße - unterstützten ihn bereitwil-lig. Für den 5. August 1817 luden sie 21 lutherische und 17 reformierte Synodalen zu einer Generalsynode nach Idstein ein. Fünf Tage verhandelten die aus allen Teilen des Herzogtums entsandter Vertreter unter dem Vorsitz lbells über die Bildung einer beide Konfessionen umfassenden evangelisch- christlichen Kirche. Dogmatische und liturgische Dissenspunkte wurden soweit wie möglich ausgeklammert. In der Bekenntnisfrage einigte man sich auf das apostolische Glaubensbekenntnis und die Confessio Augustana, in der gottesdienstlichen Praxis wollte man bis zur Herausgabe einer eigenen Agenda die kurpfälzische Kirchenordnung von 1816 anwenden. Das Abendmahl sollte in beiderlei Gestalten und nach dem Ritus des Brotbrechens gefeiert werden. Erst 1831 erschien der erste gemeinsame Katechismus, und sogar bis zum Jahr 1843 dauerte es, ehe die nassauische Unionskirche eine eigenständige liturgische Ordnung erhielt.
Trotzdem war die Nassauische Union, die Herzog Wilhelm auf der Grundlage der ldsteiner Beschlüsse mit Edikt vom 11. August 1817 förmlich sanktionierte und deren kirchenrechtliche und organisatorische Details er mit Edikt vom 8. April 1818 definitiv regelte, ein Ereignis von historischem Rang. Sie steht an der Spitze aller vergleichbaren Vorgänge in anderen deutschen Staaten. Ihr zeitlich am nächsten kam die Preußische Union, zu der König Friedrich Wilhelm III. die protestantischen Kirchen seines Landes am 27. September 1817 aufrief. Letztere verkörperte gewissermaßen das methodische Gegenmodell. Hatte man in Nassau den Weg der obrigkeitlichen Anordnung beschritten und sich mit einer sehr vagen Umschreibung der Glaubensinhalte begnügt, so setzte die preußische Lösung vor allem auf individuelle Vereinbarung und dogmatischen Konsens.

Einträchtiges Zusammenleben in der evangelisch-christlichen Kirche

Wie der Gründungsakt verlief auch die praktische Umsetzung harmonisch und ohne nennenswerte Reibungen. Die beiden bisherigen Generalsuperintenden-ten blieben im Amt und übten ihre Funktion zunächst nebeneinander weiter aus. Erst als Gieße 1827 ausschied, kam es zu einer Umstrukturierung und übernahm Müller mit dem Titel eines Landesbischofs die alleinige Führung der nassauischen evangelisch-christlichen Kir-che. Auch dessen 1837 berufener Amts-nachfolger Ludwig Heydenreich hatte seine Wurzeln in der lutherischen Tradi-tion. Einen Namen machte er sich vor allem durch das 1841 herausgegebene und bis 1895 gültige Gesangbuch sowie durch die erwähnte Liturgieordnung von 1843, die bis 1947 maßgeblich war. Demgegenüber stammte der letzte Landesbischof aus herzoglicher Zeit, der seit 1858 amtierende Ludwig Wilhelm Wilhelmi, aus einem reformierten Elternhaus. Zu Wilhelms wichtigsten Aufgaben zählte es, die nassauische Landeskirche auch über die 1866 erfolgte Annexion des Herzogtum durch Preußen hinaus in ihrer Eigenständigkeit zu erhalten.

Der lange Weg zum Bistum Limburg

Schwieriger gestaltete sich die Regulierung der katholischen Kirchenverhältnisse. Nach der Säkularisierung unterstanden die vordem zur trierischen Diözese gehörenden Gebiete dem Generalvikariat in Limburg, die ehemals mainzischen Gebiete dem Generalvikariat in Aschaffenburg. Mit einer solchen Aufteilung konnte sich der nach innerer Ge-schlossenheit strebende nassauische Staat jedoch auf Dauer nicht abfinden. Schon 1803 war der Plan aufgetaucht, ein katholisches Landesbistum mit Sitz in Limburg zu errichten. Die erfolgreiche Selbstbehauptung auf dem Wiener Kongreß gab dieser Idee einer landesweiten eigenen Diözese neuen Auftrieb. Gleich-zeitig gewannen Überlegungen an Boden, ob es nicht unter finanziellen Gesichtspunkten günstiger sei, mit einem anderen Staat gemeinsam ein katholisches Bistum zu gründen.
Die Lösung erwartete man sich von einem Konkordat mit dem Heiligen Stuhl. Um hierfür eine starke Verhandlungsbasis zu gewinnen, verband sich das Herzogtum mit Württemberg, Baden und den beiden Hessen zu einem einheitli-chen Vorgehen. Auf den im März 1818 beginnenden Frankfurter Konferenzen legten die Unterhändler dieser Länder ihre von staatskirchlichen Zielsetzungen bestimmte gemeinsame Marschrichtung fest. Nassauischer Vertreter war der aus dem mainzischen Klerus stammende Geheime Kirchen- und Oberschulrat Ludwig Koch, bei dem sich religiöses Aufklärertum mit starken episkopalistischen und antirömischen Tendenzen paarte. Noch 1818 kam man überein, für Nassau eine eigene Diözese mit der bischöflichen Residenz in Limburg und unter Einschluß der Freien Stadt Frankfurt zu gründen. Die päpstliche Bulle Provida solersque, mit der 1821 die oberrheinische Kirchenprovinz ins Leben gerufen wurde, hat diese Abgren-zung offiziell bestätigt. Keine sonderlichen Probleme warf die materielle Ausstattung des Bistums auf. Der Herzog konnte dabei auf das reichlich vorhandene Domanialvermögen zurückgreifen, das aus der Säkularisierung stammte. Neben der zur Kathedrale erhobenen ehemaligen Stiftskirche in Limburg sowie mehreren Wohn- und Dienstgebäuden wies er seinem Landesbistum knapp 22.000 Gulden an jährlichen Einkünften zu, wovor Frankfurt einen Be-trag von 5.000 Gulden übernahm. In der umstrittenen Frage der Bischofswahl kam es zu einem Kompromiß. Danach hatte das Domkapitel dem Landesherrn eine Kandidatenliste zuzustellen, aus der dieser die ihm nicht genehmen Per-sonen streichen konnte. Die Wahl selbst erfolgte dann durch das Kapitel, mußte aber vom Papst bestätigt werden.

Am 11. Dezember 1827 war es endlich soweit, daß der erste Limburger Bischof feierlich inthronisiert werden konnte. Der Papst hatte der Ernennung des hierzu vorgeschlagenen gemäßigt liberalen Weißkirchener Pfarrers Jakob Brand erst nach zähen Verhandlungen zugestimmt. Nach außen hin schien nun alles bestens geregelt. Doch von einem harmonischen Zusammenwirken zwischen Staat und katholischer Kirche konnte keine Rede sein. Nach wie vor bestand ein erheblicher Dissens zwi-schen den Vorstellungen der Kurie von kirchlicher Autonomie und den Forde-rungen des Staates nach Iandesherrlicher Kirchenhoheit. Die Gegensätze traten offen zutage, als Nassau im Januar 1830 eine Verordnung veröffentlichte, die seit längerem zwischen den Regierungen der oberrheinischen Kirchenprovinz verabredet war und den kirchlichen Freiraum erheblich einengte. Auch in rein geistlichen Sachen bedurften danach sowohl päpstliche wie bischöfliche Erlasse und Verlautbarungen der Iandesherrlichen Genehmigung. Ferner wurde die Ausbildung der Geistlichen unter strenge staatliche Aufsicht gestellt.

Katholiken gegen staatliche Bevormundung

Weder Bischof Brand (1827 - 1833) noch sein Nachfolger Wilhelm Bausch (1835 - 1840> haben den Willen und den Mut be-sessen, sich gegen die staatliche Bevor-mundung energisch zur Wehr zu setzen. Dies geschah um so furchtloser unter dem dritten Limburger Bischof, dem aus Geisenheim gebürtigen Peter Joseph Blum, der nach einer von Rom durchgesetzten Wahlwiederholung 1842 die Leitung der Diözese übernahm. Blum verhalf der romtreuen strengkirchlichen katholischer Erneuerungsbewegung, die in den Kölner Wirren soeben eindrucksvoll ihre Feuertaufe bestanden hatte, auch in Nassau endgültig zum Durch-bruch. Während der Revolution von 1848/49 kämpfte er erfolgreich für größere religiöse Freiheitsrechte. Und als während der anschließenden Reaktionszeit der Staat die Kirche wieder stärker unter seine Botmäßigkeit zu zwingen suchte, wußte er die katholische Bevölkerung zu hinhaltendem Widerstand anzuspornen. Das Ergebnis war ein mühsam ausgehandelter kirchenpolitischer Kompromiß und ein am Ende von beiden Seiten sehnlichst erstrebter Verständigungsfriede. Die Regierung räumte der Kirche 1861 ein größeres Mitspracherecht bei der Pfarrbesetzung sowie hinsichtlich der Priesterausbildung und des Religionsunterrichts ein. Demgegenüber boten die Katholiken der Regierung nun verstärkt ihre Unterstützung beim Kampf gegen die wachsende liberale Bewegung an, so daß der protestantische Herzog schließlich in der katholischen Bevölkerung seine treuesten Ver-bündeten besaß.

Die jüdische Minderheit: Staatsbürgerliche Gleichstellung und gottesdienstliche Reformen

Auch den Juden gegenüber suchte das Herzogtum nach einer zeitgemäßen Lösung. Gegen eine vollständige Staatsbürgerliche Gleichstellung, womit der gesellschaftlichen Integration dieser jahrhundertelang diskriminierter Minderheit zweifellos am besten gedient gewesen wäre, bestanden freilich noch erhebliche Vorbehalte. Die Juden mußten weiterhin ihre Schutzgelder entrichten, waren von den Rechten der Gemeindebürgerschaft ausgeschlossen und hatten zu akzeptieren, daß aus jeder Familie nur jeweils e i n Sohn eine Heiratseraubnis erhielt. Zwar wurden mit der Übernahme der von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossenen Grundrechte in das nassauische Verfassungsedikt vom Dezember 1849 auch im Herzogtum den Juden religiöse Freiheit und politische Gleichberechtigung garantiert. Ebenso war ihnen durch die Gesetzgebung des nassauischen Revolutionsparlaments bereits ein Jahr zuvor das volle Gemeindebürgerrecht eingeräumt worden. Die 1851 im Zuge der Reaktion erfolgte Aufhebung der Grundrechte hat den Emanzipationsprozess jedoch schon bald wieder zum Stocken gebracht. Am meisten verdankten die Juden die Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse daher noch immer zwei Reformen aus der Frühzeit des Herzogtums. Seit der Einführung der Simultanschule im Jahr 1817 drückten jüdische und christliche Kinder nebeneinander die gleiche Schulbank, und seit der Ein-führung der Gewerbefreiheit im Jahr 1819 standen den Juden zumindest theoretisch sämtliche Berufe offen.
In ihrer Religionsausübung genossen die Juden volle Gewissensfreiheit. Wie Protestanten und Katholiken mußten sie jedoch die Erfahrung machen, daß der Staat, wo immer er seine Interessen tangiert glaubte, sich kräftig einmischte. Besonders kümmerte er sich um das Vorsteheramt in den israelitischen Kultusgemeinden, das Rechnungswesen und den jüdischen Religionsunterricht. 1843 wurde das Herzogtum in vier Habbinatsbezirke aufgeteilt, die ihren Sitz in Wiesbaden, Bad Schwalbach, Diez und Weilburg hatten. Von ihnen wurde 1851 das Bezirksrabbinat in Bad Schwalbach nach Ems verlegt und 1860 das Bezirksrabbinat in Diez aufgehoben.
Im jüdischen Gemeindeleben gewannen zunehmend Modernisierungstendenzen an Boden. Reformer wie der in Bad Schwalbach und später in Ems tätige Bezirksrabbiner Dr. Hochstätter wollten den Gottesdienst verständlicher und würdevoller gestalten. Eine auf Deutsch gehaltene Predigt sollte die moralisch-sittliche Bildung fördern, ein Synagogenchor für den feierlichen Rahmen sorgen. Und im Religionsunterricht hatte der Lehrer nicht nur zu ehren, wie man die Thora liest, sondern ebenso darauf hin zu wirken, daß die jüdischen Kinder den Anschluß an die bürgerliche Gesellschaft fanden und ordentliche Berufe lernten.

Winfried Schüler, Jahrbuch des Rheingau-Taunus-Kreises 2001, Herausgegeben vom Kreisausschuß des Rheingau-Taunus-Kreises.

 
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