Biebrich, Usingen und Wiesbaden (Geschichte und Pracht nassauischer Schlösser)

Schloss Biebrich zählt ohne Zweifel zu den eindrucksvollsten Barockschlössern am Rhein. Die dreiflügelige Anlage mit den beiden Seitenflügeln und dem Rheinschloss erscheint heute als ein einheitliches Ensemble. Dennoch hat das Schloss eine komplizierte, sich über mehrere Jahrzehnte erstreckende Baugeschichte. Aus kleinsten, bescheidenen Anfängen ist das Gebäude nach und nach zu einem repräsentativen Residenzschloss ausgebaut worden.

Aus kleinsten, bescheidenen Anfängen

Es war Fürst Georg August Samuel von Nassau-Idstein, der am Ende des 17. Jahrhunderts am Rheinufer bei Biebrich zunächst ein Gartenhaus errichten ließ, das lediglich tagsüber zum Aufenthalt genutzt werden konnte. Doch die günstige Lage veranlasste den Fürsten, das bescheidene Gartenhaus 1701 zu einem Wohnschlösschen ausbauen zu lassen.
Von 1704-1706 wurde ein weiterer Pavillon ca. 80 Meter östlich von dem ersten errichtet. In der Folgezeit ging die Planung dahin, nach dem Vorbild der Orangerie in der Kasseler Karlsaue die beiden Wohnschlösschen mit Galerien und einem Mittelbau zu verbinden.
In dieser Planungsphase konnte der Fürst den Mainzer Architekten Maximilian von Welsch gewinnen. Dieser übernahm die bereits vorhandenen Wohnschlösschen und ersetzte den vorgesehenen Mittelbau durch eine Rotunde, um den zu einem barocken Schloss gehörenden Festsaal zu erhalten. Ab 1708 wurde dieser Plan verwirklicht. Hinter dem Schloss ließ er einen barocken Park anlegen, der von einer Orangerie abgeschlossen wurde.
Im Innern wurden die Wohnräume kostbar ausgestattet. In den beiden Galerien waren Deckengemälde vorhanden, die Szenen aus der Odyssee des Homer und der Aeneis des Vergil zeigten. Sie wurden von feinsten Stuckaturen eingerahmt.
Das Zentrum der Schlossanlage aber bildete die Rotunde. Im Erdgeschoß war ein Grottensaal, eine sog. Sala terrena, mit Wasserspielen eingerichtet. Durch eine Öffnung in der Decke ging der Blick in den Festsaal und in die von acht Marmorsäulen getragene Kuppel zum Deckengemälde, das seinerseits von einer Öffnung erleuchtet wurde. Das Kuppelfresko zeigte die Aufnahme des Aeneas in den Olymp. Den Mittelpunkt der von zahlreichen Götterfiguren beherrschten dramatischen Szene bildete Jupiter, der als bemalte Holzskulptur auf einem Adler thronend mitten im Raum schwebte.
Der Blick aus der Unterwelt in die Welt der Götter muß einen phantastischen Eindruck hinterlassen haben. Leider wurde bereits zu Lebzeiten des Fürsten das ursprüngliche Konzept verändert. Die Öffnung im Boden der Rotunde wurde verschlossen und anstelle des Grottenraumes wurde eine Schlosskapelle eingerichtet.

Ausbau zum Residenzschloss

Als Fürst Georg August 1721 starb, war sein "Versailles am Rhein" noch nicht vollendet. Erst nachdem die Fürstin Charlotte Amalie von Nassau-Usingen das "teure" Erbe angetreten hatte, konnte der Rheintrakt zwischen 1731 und 1733 fertiggestellt werden. Als sich abzeichnete, dass die nassau-usingische Linie alle walramischen Teile beerben würde und dass das Land von Biebrich aus regiert werden sollte, wurde das Schloss nach Plänen des Architekten Friedrich Joachim Stengel zunächst durch einen Ostflügel und anschließend durch eine Westflügel ergänzt.

1744 verlegte Fürst Carl seinen Sitz aus dem im hinteren Taunus gelegenen Usingen an den Rhein und bezog das nunmehr als Residenz ausgebaute Schloss am Biebricher Rheinufer.
Auch in den kommenden Jahrhunder-ten wurden nach dem Geschmack der Zeit immer wieder Veränderungen vorgenommen. So wurde die barocke Ausstattung des Schlosses unter Herzog Wilhelm 1826/27 vollständig entfernt. Glücklicherweise wurde das Deckengemälde in der Rotunde nur mit Firnisfarbe übermalt, so dass man es wieder freigelegen konnte und es heute in seiner ganzen Schönheit bewundern kann. Nur die Jupiterskulptur ist verschwunden.
Bis zur Erbauung des Wiesbadener Stadtschlosses blieb Schloss Biebrich Hauptresidenz der Fürsten und Herzöge von Nassau. Von 1840 bis 1866 wurde es als Sommerresidenz genutzt. Nach der Annexion des Herzogtums durch Preußen blieb das Schloss im Eigentum von Herzog Adolph und wurde ab 1890 von der luxemburgischen Finanzkammer verwaltet. Der weit überwiegende Teil der Einrichtung gelangte damals in die luxemburgischen Schlösser. 1934 wurde die gesamte Anlage an den preußischen Staat verkauft. Es sollte als Museum genutzt werden.
Große Zerstörungen erfuhr das Schloss während des Zweiten Weltkrieges und in der Nachkriegszeit. Es war der Freiwilligen Filmselbstkrontrolle zu verdanken, dass das Schloss trotz der Schäden gerettet wurde. Das Land Hessen hat das Schloss in den Jahren 1980-85 vollständig renoviert und auch den Ostflügel wieder aufgebaut. Heute nutzt der hessische Ministerpräsident das Schloss zu Staatsempfängen.

Das Usinger Schloss, ein Werk Friedrich Joachim Stengels

Auch in Usingen war in der ersten Hälfte des 18. Jahrhundert das "Baufieber" ausgebrochen. Unter der Regentschaft der Fürstin Charlotte Amalie, die nach dem Tode ihres Gatten, des Fürsten Wilhelm Heinrich I., seit 1718 die Vormundschaft für ihre noch unmündigen Söhne Carl und Wilhelm Heinrich übernommen hatte, wurde das vorhandene Schloss zu einer barocken Residenz umgebaut. Zwar hatte Fürst Walrad an Stelle der alten, mehr oder weniger verfallenen Burg in den Jahren 1660-63 ein neues Schloss errichten lassen. Doch genügte dieses nicht mehr den Ansprüchen der Regentin, die nach dem Anfall der linksrheinisch gelegenen Territorien davon ausgehen konnte, dass das Fürstentum zukünftig eine größere Rolle im Reich spielen würde. In Friedrich Joachim Stengel (1694- 1787) fand sie einen Architekten, der ihre Pläne verwirklichte. Seine erste Aufgabe im Dienste des Hauses Nassau war er, das Usinger Schloss umzubauen. Von 1733 bis 1738 zogen sich die Baumaßnahmen hin.
Neben dem Umbau des Usinger Schlosses war er auch für den Ausbau des Biebricher Schlosses tätig. Schwerpunkt seiner Tätigkeit sollte allerdings Saarbrücken werden, wo er mit seinen Bauten, so dem Schloss und der Ludwigskirche, das Gesicht der Stadt bis heute entscheidend geprägt hat.
Das Usinger Schloss ist heute allerdings nicht mehr vorhanden. Es fiel 1873, wie zahlreiche andere Bauten Stengels, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, einem verheerende Brand zum Opfer.

Ein Schloss inmitten der Bürger

Das Wiesbadener Stadtschloss wurde unter Herzog Wilhelm von Nassau nach Plänen des Darmstädter Architekten Georg Moller, eines Schülers von Friedrich Weinbrenner, errichtet. 1837 wurde mit dem Bauen begonnen, 1840 war es vollendet, doch erst 1842 war es bezugsfertig. Von außen passt sich das Gebäude gut in die Front der Bürgerhäuser an. Es ist eine Haus inmitten der Bürger. Kein Zaun und kein Park sorgen für die entsprechende Distanz zu den Untertanen. Der Geschmack hatte sich damals entschieden gewandelt. Nach der Revolution von 1830, die in Frankreich den "Bürgerkönig" hervorgebracht hatte, verlegten die Fürsten Europas ihre Residenzen in die Städte und wollten unter ihren Bürgern leben.
Doch so biedermeierlich bescheiden das Schloss von außen auch wirkt, im Innern ist es besonders prunkvoll ausgestattet. Die fast 150 Zimmer und Säle wurden mit unendlich seltenen exotischen Hölzern an Türen, Parkett und Möbeln ausgestattet. Zahlreiche Statuen zieren die Gänge und Säle, und in allen Räumen wurden vergoldete Bronzeleuchter verwendet. Besonders kostbar sind in allen Fest- und Gesellschaftsräumen die gemalten Tapeten, die vielfältige Motive der damals gerade freigelegten Wandmalereien Pompejis zeigen. Herzog Wilhelm von Nassau selbst erlebte die Fertigstellung nicht. Nach seinem Tod am 21. August 1839 übernahm sein Sohn Adolph die Regierung. Er erweiterte das Bauvorhaben um einen Konzertsaal sowie weitere Gesellschaftszimmer. Zu dem Schlosskomplex gehörte auch eine eigene Reitbahn, ein einmaliges Bauwerk, das bedauerlicherweise 1959 dem Neubau des Plenarsaales des Landtages weichen musste.

Wechsel der "Schlossherren"

Nachdem Nassau 1866 preußisch geworden war, nahmen die neuen Landes-herren das Schloss in Besitz. Die Wiesbadener versammelten sich nun auf dem Marktplatz, um Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Wilhelm II. zu huldigen. Nach der Revolution von 1918 zog zunächst der Arbeiter- und Soldatenrat in das Schloss. Er wurde jedoch bald vom französischen Oberkommando abgelöst, das seinerseits das Gebäude 1925 der britischen Armee überließ. Nach dem Abzug der Besatzungstruppen wurde das Schloss für kurze Zeit ein Museum, ehe 1939 das Generalkommando der Wehrmacht einzog. Während des Krieges wurde der Flügel zur Marktkirche hin zerstört. Dabei wurde auch das Bad und das Garderobenzimmer der Herzogin, das über zwei Geschosse ging, vernichtet. Nach dem Krieg diente es zunächst als Sitz des Alliierten Oberkommandos, ehe 1947 das Land Hessen das Schloss übernahm und der Hessische Landtag in die fürstlichen Räume einzog. Heute steht es auch interessierten Besuchergruppen für eine Besichtigung offen.

Dr. Rolf Faber, Jahrbuch des Rheingau-Taunus-Kreises 2002, Herausgegeben vom Kreisausschuß des Rheingau-Taunus-Kreises

 
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